Medienorientierung vom 13. Dezember 2001

Am 13. Dezember orientierten wir Medienschaffende und interessierte Kreise über unser Projekt. Was Regierungspräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf, Geschichtsprofessorin Regina Wecker, Initiantin Silke Redolfi und Flurin Caviezel, der Chef des Bündner Amtes für Kultur, über das Projekt "Fraubünden" gesagt haben, können Sie hier nachlesen.


 

Regierungspräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf, Dr. iur, Vorsteherin des Finanz- und Militärdepartementes Graubünden

   
Bei der Vorbereitung für mein Kurzreferat anlässlich der Jubiläumsfeier vom 17. Februar 2001 zu 30 Jahre Frauenstimm- und -wahlrecht ist mir bewusst geworden, dass die Geschichte der Frauen in Graubünden nicht aufgezeichnet ist. Die Vergangenheit von Frauen in Graubünden ist kaum erforscht. Wir wissen wenig über die Bäuerin, die Haushaltshilfe, die Hoteliersfrau, die Pfarrfrau, die Fabrikarbeiterin ....

In der Geschichtsschreibung der vergangenen 200 Jahre wird viel berichtet von Personen, die in ihrem Leben Bedeutendes geleistet haben, die sich hervorgetan haben in einer aussergewöhnlichen Situation, die hohe Verdienste erworben haben, wird viel geschrieben und berichtet von Helden .... Genannt werden fast ausschliesslich Männer und Heldinnen gab es kaum.

Wo sind denn die Frauen geblieben?

Kann der Umstand, dass Frauen in der Öffentlichkeit nicht vorkamen, rechtfertigen, dass sie auch in der Geschichtsschreibung mehr oder weniger inexistent sind, dass ihre Geschichte unterdrückt, vergessen wird? Bestimmt nicht. Frauen haben ihre eigene Geschichte, haben viel geleistet und viel erreicht, was der historischen Aufzeichnung Wert ist.

Das Forschungsprojekt "Frauen in Graubünden" wird belegen, dass Frauen in Graubünden in den vergangenen 200 Jahren tatkräftig ihre Frau standen, dass sie in unserem vielfältigen Kanton mit seinen drei Sprachen und Kulturen sehr viel zum Wohle der hier lebenden Bevölkerung leisteten. Dieses Projekt wird auch aufzeigen, dass es neben der bekannten, immer wieder niedergeschriebenen, Männerkultur auch eine Frauenkultur gab.

Das Projekt "Frauen- und Geschlechtergeschichte im 19. und 20. Jahrhundert" soll ein offizielles Jubiläumsprojekt zum 200-jährigen Bestehen des Kantons Graubünden sein. Diese Frauen- und Geschlechtergeschichte wird einen bleibenden Wert darstellen. Sie wird uns einen neuen Blickwinkel aufzeigen, einen Blickwinkel, der die anderen ergänzt, der zu einer neuen Wahrnehmung der Vergangenheit von Frauen und Männern in unserem Kanton führen kann. Das Verständnis für die geschlechtsspezifische Entwicklung und Wirkung rechtlicher und sozialer Strukturen wird gefördert, gleichzeitig aber auch die Diskussion um ein künftiges konstruktives Miteinander in diesem Kanton angeregt.

Das Projekt "Fraubünden" wird vom Kanton Graubünden unterstützt,

- weil es wichtig ist, dass die entsprechende Lücke in unserer Bündner Geschichtsforschung geschlossen wird;

- weil es wichtig ist, dass auch die Geschichte unserer Frauen im Kanton bewusst gemacht wird;

- weil es dazu beiträgt, die kollektive historische Wahrnehmung bezüglich der Rolle der Geschlechter zu korrigieren und

- weil gestützt auf diese veränderte Wahrnehmung die Zukunft in unserem Kanton gestaltet werden kann.

"Je weniger man über die Vergangenheit und die Gegenwart weiss, desto unsicherer ist das Urteil über die Zukunft." (Sigmund Freud)

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Regina Wecker, Dr. phil., Professorin für Frauen- und Geschlechtergeschichte an der Universität Basel

Frauen- und Geschlechtergeschichte ist Teil einer modernen allgemeinen Geschichte. Allerdings hat die traditionelle Geschichtswissenschaft lange Zeit den Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen wenig Beachtung geschenkt. Sie hat kaum wahrgenommen, ob und wie Frauen an historischen Ereignissen beteiligt waren und welche Rolle die Geschlechterbeziehungen in der historischen Entwicklung gespielt haben. Hingegen wurden Entwicklungen, die ausschliesslich Männer betrafen, so dargestellt, als gelten sie für die ganze Gesellschaft. Damit hat man aber nicht nur Frauen ihrer Geschichte beraubt, sondern auch gesellschaftliche Entwicklungen unvollständig, ja falsch interpretiert. Seit gut 30 Jahren nun wird versucht dieses Defizit der Forschung über Frauen auszugleichen, damit ein volles Bild der Entwicklung der Vergangenheit entstehen kann. Das ist notwenig, soll Geschichte ihre Funktion als Orientierungswissenschaft für eine pluralistische Gesellschaft erfüllen und sollen Frauen sich mit dieser Gesellschaft identifizieren können.
Es gibt kaum ein historisches Thema, das nicht frauen- und geschlechtergeschichtliche Bedeutung hat. Daher ist die Vielfalt der Forschung und der Forschungsthemen sehr gross. Es geht dabei einerseits um die Lebensverhältnisse von Frauen sowie um die Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Es geht aber auch um die Bedeutung der Kategorie Geschlecht, also darum wie die Vorstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit die Gesellschaft strukturiert. Etwa: welche Arbeiten gelten als männlich oder weiblich, welcher Wert wird ihnen beigemessen, welche Räume sind Männer- welche Frauenräume und wie beeinflussen diese Vorstellungen die wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Entwicklung sowie die konkreten individuellen und politischen Handlungen.
Die Frauen- und Geschlechterforschung hat erst in jüngster Vergangenheit auch Eingang in neue Kantonsgeschichten gefunden, aber sie wird zum Gradmesser für die Qualität solcher Werke. Als Beispiel möchte ich hier nur die 6-bändige Geschichte des Kantons Basellandschaft nennen, die in diesem Jahr zum Kantonsjubiläum nach mehr als 15-jähriger Forschungsarbeit veröffentlicht wurde. Voraussetzung einer solchen Gesamtschau aber ist, dass die Geschichte der Frauen intensiv erforscht wird. Ich möchte die Geschichte der Industrialisierung in der Schweiz als Beispiel wählen und dabei auch zeigen, wie notwendig der geschlechtergeschichtliche Ansatz zur Erklärung dieser Entwicklung ist.
Obwohl die Schweiz nicht über Rohstoffe verfügte und – ohne Zugang zum Meer - verkehrstechnisch für damalige Verhältnisse äusserst ungünstig gelegen war, industrialisierte das Land sich schon bald nach England und war in der Lage, gegenüber der englischen Konkurrenz auf dem Weltmarkt zu bestehen. Die Frauengeschichte fragt nun nach der Bedeutung die Frauen in diesem Prozess hatten und danach, wie sie die Industrialisierung betraf. Sie zeigt dabei wie grundlegend die Familienverhältnisse, die Geburtenzahlen, das Verhältnis von Lohnarbeit und Hausarbeit durch diese Entwicklung betroffen wurde und unsere moderne geschlechtsspezifische Arbeitsteilung damals entstand. Dabei wird auch deutlich, dass die Leitindustrie der Schweiz, die Textilindustrie, hauptsächlich weibliche Arbeitskräfte beschäftigte. Fabrikarbeit war im 19. Jahrhundert also hauptsächlich Frauenarbeit. Interessant ist das nicht nur, weil das die Vorstellung vom "Fabrikarbeiter" revidiert, sondern auch weil hier zumindest eine Erklärung dafür liegt, warum die Schweizer Industrialisierung trotz ungünstiger Voraussetzungen erfolgreich und konkurrenzfähig war: sie konnte auf qualifizierte und trotzdem billige – weil weibliche – Arbeitskräfte zurückgreifen. Die Frage nach dem Geschlecht der Beteiligten revidiert nicht nur unsere Vorstellung von "männlicher" Industrialisierung, sie ist auch eine notwendige Voraussetzung den Ablauf, hier den Erfolg der Industrialisierung, überhaupt verstehen zu können.
Die Geschichte Graubündens stellt andere Fragen. Andere, ja wahrscheinlich der "allgemeinen" Industrialisierungsvorstellung entgegengesetzte Entwicklungen werden im Vordergrund stehen. Das Projekt "Frauen- und Geschlechtergeschichte in Graubünden" aber wird Grundlagen für das Verständnis der Geschichte von Frauen in Graubünden schaffen, und es wird damit die Kenntnis der Gesamtentwicklung des Kantons verändern. Ich freue mich darauf die Forschungsarbeiten wissenschaftlich zu begleiten.

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Silke Redolfi, lic. phil., Historikerin, Mitgründerin des Frauenkulturarchivs Graubünden

Fraubünden, worum geht es? Idee

Eines der erklärten Ziele bei der Gründung des Frauenkulturarchivs Graubünden 1997 war es, eine Forschungsstelle und wissenschaftliche Projekte zur Frauen- und Geschlechtergeschichte in Graubünden ins Leben zu rufen. Dies aus der praktischen Erfahrung heraus, dass die Geschichte von Frauen in Graubünden bisher ein noch weitgehend unbekanntes Feld ist. Wer etwas über die Vergangenheit von Frauen im Kanton und ihre Lebensbedingungen erfahren will, sitzt heute abgesehen von einigen wenigen Forschungen der letzten Jahre auf dem Trockenen. Der historische Alltag und die Lebensverhältnisse von Frauen in Graubünden sind noch mehrheitlich Terra incognita. Dies wirkt sich nicht nur im Alltagsgeschäft des Frauenkulturarchivs Graubünden störend aus. Bei Anfragen zur Frauen- und Geschlechtergeschichte etwa bei Forschungsarbeiten, Diplomarbeiten oder von JournalistInnen müssen wir mangels Grundlagenmaterial oft mühselige und aufwändige Recherchearbeiten unternehmen, um überhaupt eine Auskunft erteilen zu können. Wenn uns nicht das Glück des Zufalls oder die eigene Erfahrung zu Hilfe kommt. Letztes Beispiel: Das 30-Jahr-Jubiläum zum Frauenstimm- und –wahlrecht. Das Manko an Grundlagen behindert natürlich die historische Forschung insgesamt. Sie muss ohne Grundlagen immer wieder von vorne anfangen. Plastisch aufgezeigt hat dieses grosse Defizit ja auch das im Jahr 2000 erschienene Handbuch der Bündner Geschichte, das die Frauen völlig aus dem Blick verliert.

Ziel und Beteiligte

In Zusammenarbeit mit der Stadtarchivarin von Chur, Ursula Jecklin, haben die Gründerinnen des Frauenkulturarchivs Graubünden, die Historikerin Silke Redolfi und die Germanistin und Journalistin Silvia Hofmann, deshalb das Forschungsprojekt "Frauen in Graubünden. Forschungen zur Frauen- und Geschlechtergeschichte in Graubünden im 19. und 20. Jahrhundert" ausgearbeitet. Von Anfang an wurden wir dabei vom Verein für Bündner Kulturforschung unterstützt. Ziel des vierbändigen Forschungsprojektes ist es, Grundlagenforschung zur Vergangenheit von Frauen im Kanton zu leisten und ihre Geschichte sichtbarer und fassbarer werden zu lassen. Es geht darum, den historischen Blick auf Frauen und ihre Lebensbedingungen im Alpengebiet zu lenken und die Beziehung der Geschlechter zu beleuchten. Wir fragen danach, wie Frauen im Kanton Graubünden gelebt haben, wie die staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen sich auf ihren Alltag ausgewirkt haben, was Technisierung und Tourismus für Frauen bedeutete, welche Arbeitsmöglichkeiten bestanden oder was die Frauen unternahmen, als ihre Männer scharenweise ihrer Berufung als Zuckerbäcker folgten. Dazu gehört die Frage nach den Beziehungen der Geschlechter im Kanton, nach den ungeschriebenen Gesetzen und den gesetzlich festgeschriebenen Trennungen und Rollenteilungen. Mit dem Forschungsprojekt soll ein frauenspezifisches historisches Bewusstsein geschaffen werden. Dieses fehlte bisher übrigens auch den Männern. Auch sie wissen nichts über die Lebensbedingungen ihrer Mütter, Grossmütter, Urgrossmütter oder Grosstanten. Auch ihnen fehlten bisher die historischen Anknüpfungspunkte zum historischen Alltag ihrer Vorfahrinnen. Auch sie sind damit eines Teils ihrer Identität, ihrer historischen Wurzeln beraubt.

Die Initiantinnen des Projektes erhoffen sich mit der Publikationsreihe einen Anstoss für die Frauen- und Geschlechterforschung im Alpenraum.

Das Bewusstsein der Staatsbürgerin als Beitrag zum 200-Jahr-Jubiläum des Kantons Graubünden

Grosses übergeordnetes Leitmotiv der Forschungsreihe "Fraubünden" ist die Frage nach der Staatsbürgerin, der Beziehung der Frauen zum Staat, zum Kanton Graubünden. Und damit ergibt sich ganz automatisch eine Verbindung zum 200-Jahr-Jubiläum des Kantons Graubünden 2003. Im Jahr 2003 erscheint der erste Band. Er ist als eigentliche Jubliäumsgabe an die Bündnerinnen und Bündner gedacht und eröffnet unsere Publikationsreihe. Die Forschungsarbeiten zu diesem ersten Band, der eine kommentierte Basisbibliografie und einen rechtlichen Teil beinhaltet, haben diesen Sommer begonnen. Bearbeiterinnen sind die Historikerinnen Ursula Jecklin, Bettina Volland und Silke Redolfi. Die Redaktion übernimmt Silvia Hofmann.

Bibliografie

Mit der Bibliografie sollen Publikationen von und über Frauen und ihre Geschichte einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Damit wird einerseits der Stand der Forschung zur Frauen- und Geschlechtergeschichte im Kanton aufgearbeitet, andererseits sollen Veröffentlichungen von und über Frauen, z.B. Lebensbeschreibungen, als Quellen erfasst und für die Forschung fruchtbar gemacht werden. Die Bibliografie umfasst jedoch auch allgemeine Literatur, die Hinweise zum Alltag von Frauen liefert, wie sie etwa in Ortsgeschichten oder Statistiken versteckt sind. Insgesamt können so auch neue Forschungsthemen eröffnet werden. Ausgewertet wurde zu diesem Zweck in erster Linie der Schlagwortkatalog der Kantonsbibliothek Graubünden. Das Forschungsteam arbeitet mit einer speziell auf die Fragestellungen dieses Projektes ausgerichteten Datenbank. Als Raster für die Erfassung und Zuordnung einzelner Titel für den ersten Band dient ein frauenspezifischer Katalog von Ober- und Unterbegriffen. Er wurde speziell auf die Lebenswelten, die Lebenserfahrung und den historischen Kontext von Frauen zugeschnitten. Dieser Perspektivenwechsel erlaubt es, die Vergangenheit von Frauen, die sich vielmals nicht mit den herkömmlichen historischen Begriffen und Kategorien erfassen lässt, sichtbar zu machen. In Bezug auf Aufbau und Definition der Bibliografie geht das Forschungsteam damit neue Wege. Rund 4000 Titel wurden bisher aufgenommen. Es hat sich gezeigt, dass gut 80 % der Titel zuerst noch gesichtet und auf ihren Aussagewert hin speziell überprüft werden müssen. Dies deshalb, weil die Titel keinen eindeutigen Schluss auf einen frauenspezifischen Aussagewert zulassen. Auch archivalische Quellen sollen in die Bibliografie aufgenommen werden, so z.B. der Hinweis auf private Nachlässe oder frauenrelevante Akten in den öffentlichen Archiven.

Der zweite Teil des ersten Bandes behandelt die rechtliche Situation von Frauen in Graubünden vor Einführung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches 1912, z.B. im Hinblick auf das Bürgerrecht oder Eherecht und liefert Daten und Fakten zum Frauenstimm- und -wahlrecht in Graubünden.

Weitere Bände geplant

Die weiteren Bände beinhalten die Themengebiete "Frau und Arbeit", die "fremde Frau" (Migration und Emigration) und "Frauenkörper" (Medizin, Hygiene). Die Basis für das bisher nur grob definierte inhaltliche Forschungskonzept dieser Bände wird die nun entstehende Bibliografie liefern.

Grundlage des ganzen Forschungsprojektes bildet neben der Frage nach der Geschichte von Frauen der Ansatz der Geschlechtergeschichte. Es soll auch darum gehen, die Beziehungen der Geschlechter und die Auswirkungen der Geschlechtertrennung auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in Graubünden zu erforschen. Das Projekt ist damit auch ein Beitrag zur Geschichte von Männern. Die einzelnen Artikel der verschiedenen Bände sollen die Mehrsprachigkeit im Kanton und die verschiedenen Kulturen berücksichtigen und auf dieser Basis themenspezifisch vergleichend angelegt sein.

Zeitplan und Finanzierung

Der erste Band erscheint im Jahr 2003, die weiteren folgen bis 2007. Im Zuge der Forschungsarbeiten soll zudem ein Frauenlexikon erarbeitet werden.
Der erste Band der Forschungsreihe ist vollumfänglich finanziert. Beiträge leisten der Kanton Graubünden, der Verein für Bündner Kulturforschung, die Niarchos-Stiftung und schliesslich das Frauenkulturarchiv Graubünden selbst. Die weiteren Bände sind zu einem grossen Teil bereits jetzt gesichert. Wir sind besonders erfreut, dass der Kanton Graubünden im Rahmen des Jubiläums 2003 das Forschungsprojekt zu gut 70 % finanziert und so auch einen nachhaltigen Beitrag zum Kantonsjubiläum leistet. Die Projektinitiantinnen sind zuversichtlich, durch Beiträge weiterer Stiftungen, durch Sponsoren, GönnerInnen und Subskription das Forschungsprojekt vollumfänglich finanzieren zu können. Die Suche nach Geldgebern wird in den kommenden Wochen an die Hand genommen.

Forschungsstelle und Homepage

Das Frauenkulturarchiv Graubünden richtet in seinen neuen Räumlichkeiten in der Casanna an der Fontanastrasse 15 in Chur im Januar 2002 eine Forschungsstelle zur Frauen- und Geschlechtergeschichte Graubünden ein.
Informationen zum Projekt finden sich auch auf der Homepage www.fraubuenden.net. Sie wurde vom Webspezialisten Urs Eugster, Masein, technisch konzipiert und realisiert. Die Homepage soll als Plattform und Kontaktbörse während und nach den Forschungsarbeiten dienen.

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Flurin Caviezel, lic. phil., Chef des Amtes für Kultur Graubünden

Sehr geschätze Frau Regierungspräsidentin
Sehr geehrte Damen und Herren

Ich freue mich, dass ich zu dieser Medienorientierung eingeladen worden bin. Sie erwarten vielleicht von mir, dass ich nun aus der Sicht eines Mannes das Projekt beurteile - weit gefehlt. Ich bin kein Quotenmann. Ich bin in meiner Funktion als Kulturbeauftragter des Kantons Graubünden eingeladen worden und hätte die Familienplanung dem Wunsch meiner Eltern entsprochen, stünde heute die Flurina Caviezel vor Ihnen.
Früher war dieser Raum die Turnhalle und der Theatersaal der ehemaligen Frauenschule. Meine Mutter hat 1947 als heranwachsende Frau hier auf dieser Bühne in einem Schülerinnentheater mitgewirkt. Sie spielten Dornröschen und Mama, heute Nona, spielte den Prinzen. Vielleicht ist gerade die Geschichte dieses Saales der alten Frauenschule dafür ausschlaggebend, dass in den vergangenen drei Wochen gleich drei Frauen-Anlässe hier stattgefunden haben: Am 22. November die Feier zum 5-jährigen Bestehen des Gleichstellungsbüros und am 29. November die Preisverleihung "dunna 2001".
Geschichte und Geschichten sind oft sehr nahe beieinander. Das Dornröschen ist von ihrem Prinzen wachgeküsst worden. Wenn Sie nun erwarten, dass ich behaupte, die Frauen seien mit dem Projekt Fraubünden vom Prinzen wachgeküsst worden, muss ich Ihnen zum zweiten Mal sagen: Weit gefehlt. Bei der Entstehung des Projektes Fraubünden war es genau umgekehrt. Nicht die Prinzen, die Männer, haben die Frauen wachgeküsst, nein, Frauen haben die Männer wachgerüttelt und ihnen beigebracht, dass Geschichte von Männern und Frauen gelebt, gestaltet und geschrieben wird.
Das Projekt einer vierbändigen Frauen- und Geschlechtergeschichte hat uns, damit meine ich das Amt für Kultur, das Erziehungs-, Kultur- und Umweltschutzdepartement und die Regierung des Kantons Graubünden, aus drei Gründen überzeugt.

  1. "Fraubünden" forscht
  2. "Fraubünden" forscht dort, wo eine Lücke, wenn Sie so wollen ein "Schwarzes Loch", in der Geschichtsschreibung unseres Kantons klafft. Den enormen Nachholbedarf in der Aufarbeitung geschlechtsspezifischen Quellenmaterials haben die Autorinnen und Autoren des im letzten Jahr erschienenen "Handbuchs der Bündner Geschichte" schmerzlich erfahren müssen. Die kulturelle und sprachliche Vielfalt der Bündner Geschichte wird mit der Erweiterung der Perspektive auf das Merkmal "Geschlecht" erweitert und bereichert.

  3. "Fraubünden" feiert
  4. Fraubünden feiert im Jahre 2003. Zum 200-jährigen Beitritt Graubündens zur Eidgenossenschaft wird der erste Band von Fraubünden erscheinen. "Köpfe und Berge, chaus e muntognas, teste e montagne" so lautet das Motto der Jubiläums-Feierlichkeiten. Feste, Kongresse, Festivals, sind Treffpunkte, um sich zu begegnen, sich auszutauschen und die Vielfalt Graubündens zu feiern. Das Projekt "Fraubünden" bereichert das Jubiläum auf einer weiteren Ebene: Die vier Bände, das aufgearbeitete und erschlossene Quellenmaterial werden einen bleibenden, nachhaltigen Wert darstellen.

  5. "Fraubünden" formt

Fraubünden formt die Zukunft. Wer sich mit seiner Vergangenheit beschäftigt, findet Erklärungen für Ungleichheiten der Gegenwart und schafft damit Voraussetzungen für ein bewussteres Zusammenleben in der Zukunft. Dieses Forschungsprojekt richtet den Fokus bewusst auf die unterschiedlichen Lebensumstände von Frauen und Männern. Damit wird ein weiterer Baustein für das Verständnis unserer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gelegt.

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